Zen und die Kunst des Hier und Jetzt Achtsamkeit & Co.

Motiv-Serie: Spirit

Beim Frühstück wird mit abwesender Mine im Tee gerührt, während sich die Gedanken längst um das Gruppen-Meeting drehen. Auf dem Weg zur Bahn wird schnell noch eine Stulle verschlungen, während das “Morgen” an die Kollegen fahrig ausfällt – wann schließt eigentlich der Bioladen? Willkommen in der Welt des ruhelosen Geistes, des Konsumzwangs, der Depression und der chronischen Unzufriedenheit. Die Liste war nicht vollständig.

Achtsamkeit ist die Aufmerksamkeit, die auf den Moment gerichtet ist. In jedem Moment wird nur das verrichtet, was gerade verrichtet wird und nur dort sind die Gedanken. In der Achtsamkeit schenken wir jedem Moment das volle Bewusstsein und unsere ganze Aufmerksamkeit. Ein achtsames Leben ist ein bewusstes und entschleunigtes Leben, in dem der Geist zur Ruhe kommt.

Achtsamkeit (in Englisch: Mindfulness) ist, den folgenden Text zu lesen – und nur das. Andere Gedanken und Gefühle kommen nicht auf. Es zählt, das gedruckte Wort und seine Bedeutung, die aufmerksam und Wort für Wort gelesen wird. Tief durchatmen, besinnen und konzentrieren.

Den Moment genießen – oder?

Eine häufige Redewendung ist, das Leben oder den Moment zu genießen. Wie das geht, glaubt man zu wissen: All das, was man schon immer unternehmen oder besitzen möchte, wird endlich Wirklichkeit – oder gekauft. So oder so ähnlich sehen es viele und begeben sich dabei in eine Spirale des Konsumrauschs, in dem Käufliches oder auch Essbares glücklich machen soll. Meist währt dieses vermeintliche Glück ohnehin nicht lange: Dinge gehen kaputt oder vielleicht hätte man doch besser die andere Farbe nehmen sollen und dummerweise ist das Konto nun auch schon wieder überzogen; auf die Waage traut man sich nicht mehr, auch wenn alles eigentlich “gesund” war. Das hippe Schlagwort “bewusst leben” wird dagegen mit gesunder Ernährung belegt.

In Wirklichkeit zieht das Leben jedoch an uns vorüber – mit jedem Moment und mit oder ohne Rohkost. Ein Kreislauf der Unzufriedenheit, des Konsumzwangs und der Depression bahnt sich an. Achtsamkeit ist nicht das Genießen des Augenblicks, sondern das bewusste (Er)leben des Moments. Der Moment ist, was er ist und wir widmen uns ihm, mit aller Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Wenn wir ihn genießen, dann nur ihn.

Was ist Zen?

Die Antwort des Zenmeisters: “Die blühende Pfingstrosenhecke”. Zen ist nichts und Zen ist alles. Zen ist der weglose Weg und das torlose Tor. Zen ist die Reise in die Gegenwärtigkeit. In das Hier und Jetzt, so wie es ist – unverfälscht und pur. Klingt einleuchtend, doch in der Praxis angewandt, zeigt sich jedoch die wahre Schwierigkeit der Achtsamkeit. Die Achtsamkeit findet ihren Ursprung zwar in der klassischen buddhistischen Meditation, hat aber im, einer japanischen Linie des Mahayana-Buddhismus, eine ganz besondere Bedeutung und Praxis erlangt. Achtsamkeit ist der Kern der Zen-Philosophie – deren tiefe Bedeutung sich erst nach vielen Jahren der Übung erschließt.

Übungen für die Achtsamkeit

Eine Form der Meditation im Zen ist der “Kare-san-sui” – der Zengarten. Er kann einen Bereich des Gartens einnehmen, ist aber auch in der Miniversion für den Schreibtisch erhältlich. Das hölzerne Tablett enthält Sand, Steine, Felsbrocken – oder auch farbige Halbedelsteine – und Kies. Bepflanzt werden kann der Zengarten gegebenenfalls mit Moos. Das Betrachten und das Rechen des Gartens ist eine Form der Zen-Meditation, die den Augenblick bewusst macht und die Achtsamkeit schult.

Die wichtigsten und vielleicht schwierigsten Übungen zur Achtsamkeit und zur Entschleunigung des Alltags stellen sich – im Alltag. Das bewusste Zähneputzen, bei dem alle Aufmerksamkeit nur auf das gründliche Putzen gerichtet ist. In der Bahn lassen sich Menschen und die Landschaft beobachten; es wird weder gelesen noch das Smartphone ausgepackt. Eine besondere Herausforderung ist das Essen: Im Zen wird beim Essen nicht ferngesehen, gesurft oder gelesen. Alle Konzentration liegt auf dem einzelnen Bissen, dem Geschmack und der Konsistenz der Mahlzeit. Eine alte Zen-Weisheit sagt: “Man lebt nicht, um zu essen, sondern man isst, um zu leben”.

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Datum: Samstag, 11. Mai 2013 13:25
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